Ds Vogulisi
«Hast du alle deine Eulen mitgenommen?», fragte ich. «Ja, leider ist keine kaputt gegangen. Das wäre noch günstig gewesen», antwortete meine Grossmutter. Wir sassen am Esstisch in ihrer neuen Wohnung. Ü90 musste sie noch einmal umziehen, da der Plattenbau aus den 70ern, in dem sie, solange ich mich zurückerinnern kann, schon immer gewohnt hatte, im kommenden Jahr abgerissen werden sollte. Zusammen liessen wir unsere Blicke über die Glaskommode schweifen, auf der sich zwischen Schwarzweissphotographien und dem ledergebundenen Lexikon eine Schar Eulen tummelte. Jede Grossmutter hat ein Tier. Sei es der Delfin, die Siam-Katze, Marienkäfer, Biene oder doch der Elefant. Meist ist es jedoch ein Vogel; Kolibri, Blaumeise und Rotbrüstchen sind besonders beliebt. Auch der Eisvogel steht hoch im Kurs. Bei der einen oder anderen ist es auch die Stockente oder die Gans. Es ist ein Tier, für das man sich früher mal interessiert hatte, welches man hübsch anzusehen glaubte oder zu seinem eigenen Charakter zu passen schien. Klar ist, dass man sich sein Tier nicht selbst auswählt. Auf das erste Figürli stösst man rein zufällig in einer Ramschkiste auf dem Flohmi. Süss, sagt man zu sich selbst, bezahlt den Franken für das vermeintliche Kleinod und stellt es zuhause ins Bücherregal wo es beginnt Staub zu sammeln. Ein paar Monate später folgt darauf ein weiteres, aus dem Urlaub im Schwarzwald oder an der Küste Italiens. Das Tier braucht ja schliesslich ein Gspänli. Und ein Drittes bekommt man dann von einer Bekannten zum Geburtstag, weil sie es gesehen hat und gleich an einen gedacht hat und es einfach kaufen musste. Spätestens dann gibt es kein Zurück mehr. Bis ans Lebensende sammeln sich Figuren, Stifte, Briefpapier, Besteck, Geschirrtücher, Kalender, Kerzenhalter, Tassen, Schneekugeln, Schlüsselanhänger und jeglicher anderer unbrauchbarer Krimskrams in Form dieses Tiers wie von alleine an. Wegwerfen steht ausser Frage. Was man über die Jahre von Enkeln, Freundinnen und Ehepartnern liebevoll verliehen bekommen hatte und was selbst gekauft wurde, weiss keiner.
Das Tier meiner Grossmutter war nun eben die Eule. Die Grösste hing auch in der neuen Wohnung an der Wand gegenüber der Eingangstür und war somit das erste, was man sah, sobald man die Schwelle überschritt. Ein Wandschmuck geknüpft aus dickem Wollfaden in Braun- und Grautönen. Schnabel und Fänge ovale Holzperlen farblich abgestimmt mit dem Stück Treibholz vom Aareufer auf dem der Uhu hockte. Die kleinste ein filigranes Konstrukt aus Glas mit glitzernden Swarovski-Steinchen anstelle der Augen, ein Geschenk zu einem
Hochzeitstag. Erst seit dem Tod meines Grossvaters, den ich in meinem ganzen Leben kein einziges Mal getroffen hatte und mir nie ein Opa, sondern stets der Vater meines Vaters geblieben war, schienen mir die Besuche bei meinem Grossmutti, wie ich meine Grossmutter mütterlicherseits zu nennen pflegte, allesamt zu kurz und zu selten, zu organisiert und doch weniger gezwungen als in meiner Jugend. Bevor sie dank dem Einsatz meiner Vettern und Basen vor einigen Jahren zum Urgrossmutti geworden war, war ich bis Anfang zwanzig der Jüngste in der Verwandtschaft geblieben. Dadurch entwickelte sich meine Beziehung zum Grossmutti anders als die ihrer restlichen Enkelkinder. Manchmal schien es mir, als hätte sie einfach aufgegeben. Streng sein war anstrengend. Nach den sieben anderen, hatte sie sich einen Spass verdient. Zu lange musste sie Ehefrau, Hausfrau, Mutter, dann Grossmutter sein. Ernst sein.
Schauen, dass niemand zu kurz kommt, dass alles gerecht verteilt ist, dass alles geputzt, gesaugt, gewaschen, gebügelt, alle gefüttert, gestrählt und gestriegelt waren. Zu lange, dass es jetzt auch nicht mehr darauf ankommen würde. Also schloss sie an Weihnachten die Guetzlidose immer erst dann,
wenn ich meine Spitzbuben auf der Serviette drapiert hatte. Und im Osternest lagen doch immer ein paar Zuckereier und vielleicht sogar ein Geléehase mehr als in dem meines Bruders. Versteckt tief unten im Stroh. Widmeten sich nach einer Standpauke alle wieder ihren Tellern, zwinkerte sie mir heimlich zu. War ich übers Wochenende bei ihr und wollte zum Bärengraben, um Meister Petz ein Rüebli direkt in den Rachen zu werfen, dann nahm sie mich bei der Hand und wir fuhren mit der S-Bahn in die Stadt,wo sie mich dann über die Betonreling lupfte, ihre knorrigen Hände unter meinen Armen, damit ich die lethargischen Braunbären da unten füttern konnte. Und an keine Mahlzeit kann ich mich besinnen bei der ich nicht mein Lieblingsessen von ihr serviert bekommen habe, egal ob es meinem Bruder, meinen Cousins und Cousinen, meinen Onkeln und Tanten, ihrer einzigen Tochter schmeckte. Einzig meine Entscheidung kein Fleisch mehr zu essen, das konnte sie nie nachvollziehen. Sie als Matrone, mit Silberzahn und stetig grauer-werdenden Dauerwelle, ich der immer-kleine Lausbub. Und doch entwickelte sich in der Pubertät eine gewisse Scham und Abscheu dem Alten, einer vergangenen Zeit Zugehörigen gegenüber. Ihr blumiges Parfüm wurde mir zuwider. Vor den drei Küssen, die sie mir seit der Konfirmation auf die Backen drückte, graute es mir bereits im klapprigen Aufzug aus dem letzten Jahrtausend. War mir bis dahin doch eine solche Zuneigung von den Mädchen meines Alters verwehrt geblieben.

Wenn über Grossmütter geschrieben wird, beschwören die Leute ständig starke Frauen hervor. Solche die Härte, wie auch Gutmütigkeit zeigen konnten, emanzipiert sein wollten, mit dem schitteren Blatt, das ihnen ausgehändigt worden war, trotzdem Stich nach Stich einkassierten, mehr Mann als ihre Männer waren, und doch mehr Frau als jede Frau es heutzutage je sein könnte. Weder war mir mein Grossmutti je als stark, noch war sie mir als besonders durchsetzungsfähig vorgekommen. Sie war einfach jemand der machte und es nicht bleiben lassen konnte. Ihr scharfer Verstand und die wachen Augen waren es, die sie bis weit in die neunzig beibehielt. Eine Minerva in Kochschürze und Lockenwicklern. Seit Jahrzehnten auf eigener Faust unterwegs. An den Grossvater, den Bäppu, wie sie ihm sagte, hatte ich bloss eine Erinnerung. In der Wohnung im Plattenbau am Esstisch sass er links neben mir. Er sagte etwas zu mir oder vielleicht auch über mich. Was es war, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich solle im Stuhl nicht gaageln, oder meinen Teller leer essen vielleicht. Was mir blieb war die Angst vor ihm. Der Bäppu mit seinem roten Kopf und dem kurzen Hals, der dicken Hornbrille, dahinter die kleinen Augen und der tiefen, herrischen Stimme. Auf der Glaskommode gab es auch ein Foto von ihm. Im kastanienbraunen Tenue der Bundesbahn vor den Gleisen in Lengnau. Freundlich, doch bestimmt. In meinen Erinnerungen gleicht er jedoch einer der Lötschentaler Masken, die früher neben der Garderobe bei ihnen im Gang hingen.

Im Radio spielte ein Ländler nach dem anderen. Auf dem Teller vor mir lag ein gekauftes Erdbeertörtchen. Wie die Canapés, die als Hauptgang aufgetischt worden waren, war auch das Dessert als hausgemacht inszeniert. Dass sie nicht mehr selber kochte und sich stattdessen von der Gourmessa beliefern liess, wenn ich vorbeikam, störte mich wenig, fühlte ich mich doch schon schlecht, wenn ich ihr den Abwasch der beiden Teller überliess. Auch dieses Mal zottelte sie nach getaner Arbeit ins Schlafzimmer, von wo sie einen Band des Fotoalbums hervorbrachte. Aus jedem Jahrzehnt der Familiengeschichte hatte ich mein persönliches Lieblingsbild. Etwa das Grossmutti im Sonntagskleid und Lackschuhen vor dem Löwendenkmal im ‘53. Die Fotografie sepia und leicht verschwommen, beinahe Avantgarde. Meine Mutter als kleines Mädchen mit den Holzskiern am Hang hinter dem Haus des Bahnwärters im Winter ‘72 – ‘73. Der Bebbi, die Taube, die mein Onkel in der Schalterhalle in Basel aufgegabelt hatte, weil das Küken von den Stahlstreben gefallen war. Auf dem Bild in vollem Federkleid auf dem verschissenen Fensterbrett.

«Wie ist er überhaupt auf die Idee gekommen, die mitzunehmen? Das wäre mir doch nie eingefallen», sagte ich, als sie die Seite mit dem Vogel aufschlug. «Ich weiss schon, von wem er das hat», entgegnete sie mir und liess ein Lachen, was mehr Keuchen war, hören, «Einmal hat der Bäppu in Lengnau neben einer Scheune eine Schneeeule gefunden. Ganz abgemagert und halb verhungert lag die im Feld. Sie konnte gar nicht mehr fliegen, so schwach war sie. Und am Bein hatte sie ein so langes Stück Schnur», sie hielt ihre zwei gichtigen Zeigefinger ausgestreckt, um mir die Fessel vor Augen zu führen, «jemand wird sie bei sich eingesperrt gehabt haben. Aber irgendwie hat sie sich befreit und ist ausgebüxt. Selber hätte sie sich nicht mehr am Leben halten können.» Für einen kurzen Moment hielt sie inne bevor sie mit der Erzählung fortfuhr: «Item», sagte sie, «er hat sie dann mit nach Hause genommen. Er wusste nicht, was er mit dem Tier anfangen soll, also hat er mich gefragt, was er mit ihr machen soll. Ausstopfen, hab ich gesagt, dann wäre sie wenigstens wieder hübsch», wieder keuchte sie ab ihrer eigenen Schroffheit, «so zerrupft hat das arme Vieh ausgesehen. Auf gar keinen Fall, hat er gemeint, er würde dem Wildhüter anrufen. Dieser hat sie dann auch mitgenommen und wieder aufgepäppelt. Ein paar Wochen später hätte er sie wieder freilassen können, hat er gesagt.» Ihr Blick war auf ihre Kaffeetasse gerichtet. Sie zuckte mit den Schultern und wischte einige unsichtbare Krumen vom Tisch. «So ist das also», sagte ich.

Ob sie sich sicher war, dass es wirklich eine Schneeeule gewesen war, wollte ich sie nicht fragen. Vielleicht hatte sie eine Schleiereule gemeint. Beide hatten helles Gefieder. Von Schleier findet die Zunge noch schnell den Weg zum Schnee. Oder vielleicht war es tatsächlich eine dieser nordeuropäischen Uhus. Hört man nicht auch heute noch von Kaimanen im Hallwilersee und Flamingos in der Berner Innenstadt? Wieso hätte also anno 1950 nicht auch ein sibirischer Wilderer eine Schneeeule an einen Jurassischen Hobbyornithologen und Tierliquäler abtreten können? Viel mehr fragte ich mich, ob dies die erste Eule hätte sein sollen. Ein echtes Herzstück ihrer Sammlung hätte der ausgestopfte Raubvogel abgegeben. Und plötzlich sah ich meine Grossmutter vor mir wie sie bei Nacht und Nebel mit einer Schrankenlaterne in der einen und einem Jagdgewehr in der anderen Hand am Ufer der Alten Aare herumstakste und in den Baumwipfeln nach der Schneeeule suchte, die der blöde Wildhüter fortfliegen gelassen hatte. Sie blätterte weiter.

Weihnachten in den Nullerjahren. Ein überbelichtetes Foto vom Stephanstag. Darauf ein kleiner Bub mit Grübchen und Zahnlücken. Obwohl Heiligabend bereits verstrichen war, hatte er eifrig auf dieses eine Geschenk gewartet, das nicht unter dem Christbaum gelegen hatte. Die Augen strahlten. In den Händen hielt er ein flauschiges Tier. Ein Totem. Er wusste noch nicht, dass seine Grossmutter ihm einen Fluch auferlegt hatte. Denn der Waschbär liegt noch heute in meinem Bett. Das Fell verfilzt, die Glasaugen zerkratzt. Auf ihn folgte ein Artgenosse der Marke Schleich, ein Bilderbuch, der selbstverliehene Indianername fürs Klassenlager, eine Tasse vom Weihnachtsmarkt aus der man unmöglich trinken kann, einige T-Shirts, selbst ein Tattoo auf dem Unterarm und zuletzt eine Patenschaft im Dählhölzli. Den Kaffee leer getrunken, schloss sie das Album wieder. «Dann wäre das auch erledigt», sagte sie, als ich meine Schuhe anzog und mich von ihr verabschiedete.
Über den Autor
Jonas David Gut ist freischaffender Übersetzer, Lektor und Autor. Nach einem Studium der Nordistik an der Universität Basel und ersten Übersetzungsprojekten für Helvetiq und Bergli Books hat er im Juni 2025 den Master of Arts in Contemporary Arts Practice an der Hochschule der Künste Bern abgeschlossen.
Seine Leidenschaft gilt den Kurzgeschichten, von denen bereits einige abgedruckt oder vertont wurden, unter anderem im Podcast Lagerfeuerabend (Episode 15: Fliegende Fische) sowie in der Herbstausgabe 2025 des Literaturmagazins Das Narr.
Jonas wuchs mit den Geschichten von Walter Moers und Tove Jansson auf, radelte durch Norwegen bis ans Nordkap und arbeitete als Musher in Lappland. Seit zwei Jahren ist er Pate eines Waschbären im Tierpark Bern – eine Verbindung, die sich auch in seinen literarischen Projekten widerspiegelt.
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