Foto: Therese Trachsel
08. November 2025

Winter im BärenPark

Wenn die Tage kürzer werden und die Temperaturen sinken, kehrt im BärenPark eine besondere Ruhe ein. Die drei Mutzen ziehen sich jeweils Schritt für Schritt zurück: Die Bärendamen Björk und Ursina nutzen dafür meist die Winterhöhlen im Park, während Finn es komfortabler mag und den Stall gleich unter dem Tierpflegerbüro bevorzugt. Dieses Jahr hat er sich sogar ein paar Tage früher als sonst dorthin zur Winterruhe zurückgezogen und sein Nest eingerichtet – gut gepolstert und dank stattlicher Fettreserven bestens gerüstet für eine sichere, ruhige Winterruhe. Ganz so eilig haben es die Bärendamen hingegen nicht: Ursina wurde Anfang der Woche noch beim Graben und Relaxen im Wasser gesichtet. Es ist daher gut möglich, dass man auch im Winter bei einem Spaziergang im BärenPark noch einer der beiden Bärinnen begegnet.

Foto: BärenPark, Ruth Locher

Wie viele andere Tiere passen auch sie ihren Lebensrhythmus den Jahreszeiten an. Bei Braunbären spricht man allerdings nicht von einem tiefen Winterschlaf, sondern eben von Winterruhe. Im Unterschied zu kleineren Winterschläfern wie Igeln oder Murmeltieren, die ihre Körperfunktionen auf ein Minimum herunterfahren – ihr Herz schlägt dann nur noch wenige Male pro Minute, die Körpertemperatur sinkt fast bis zum Gefrierpunkt – drosseln Braunbären ihren Stoffwechsel nur mässig. Die Körpertemperatur eines ruhenden Bären sinkt lediglich um etwa 3 bis 5 °C gegenüber dem Normalwert. Auch Atmung und Herzschlag verlangsamen sich deutlich, zum Beispiel von rund 55 auf etwa 15 Schläge pro Minute, aber längst nicht so extrem wie bei echten Winterschläfern. Man kann sich die Winterruhe der Bären daher eher wie einen Dämmerzustand im „Stand-by-Modus“ vorstellen: Sie schlafen viel und bewegen sich wenig, bleiben aber jederzeit in der Lage aufzuwachen, etwa um ihre Höhle zu verteidigen oder auf Störungen zu reagieren.

Foto: BärenPark, Ruth Locher

Während der eigentlichen Winterruhe fressen, trinken und urinieren Braunbären überhaupt nicht. Im Herbst haben sie sich eine dicke Fettschicht angefuttert, von der sie den ganzen Winter über zehren. Dabei wird in den langen Ruhephasen weder Kot noch Urin ausgeschieden – der Bärenkörper verwertet die anfallenden Abfallstoffe so effizient, dass das Tier wochen- bis monatelang ohne einen Toilettengang auskommt. Über den Winter verlieren Braunbären rund ein Drittel ihres Körpergewichts, vor allem Fett. Trotz der langen Ruhephase und der wenigen Bewegung bauen sie kaum Muskelmasse ab. Wie der Bärenkörper das genau schafft, ist noch nicht vollständig geklärt und gibt der Wissenschaft Rätsel auf. Gerade dieser Mechanismus ist auch für die Humanmedizin interessant – etwa mit Blick darauf, wie man bei bettlägerigen Patientinnen und Patienten Muskeln und Knochen besser erhalten könnte.

Foto: BärenPark, Ruth Locher

Wie bereiten sich die Bären im BärenPark auf die Winterruhe vor?

Der Herbst ist für die Bären im BärenPark die entscheidende Vorbereitungsphase auf die lange Ruhezeit. Sobald die Tage kürzer werden und die Temperaturen sinken, starten Finn, Björk und Ursina ihre ganz persönliche „Mastzeit“. Im Tierpark Bern bekommen sie jetzt besonders energiereiches Futter: grosse Portionen Gemüse, Obst, Beeren sowie nahrhafte Nüsse und Eicheln stehen täglich auf dem Speiseplan. Hin und wieder gibt es auch Fisch oder etwas Fleisch – so wie in der Natur, wo Braunbären jede Gelegenheit nutzen, um vor dem Winter zusätzlich tierische Eiweisse aufzunehmen. Die Tierpfleger füttern im Spätsommer und Herbst bewusst sehr üppig. Alles, was die Bären jetzt an Kalorien aufnehmen, wird in wertvolles Fett umgewandelt. Entsprechend legen sie in dieser Zeit deutlich an Gewicht zu: Männchen Finn bringt dann über 300 Kilogramm auf die Waage – im Herbst 2025 waren es sogar rund 350 Kilogramm –, die Weibchen Björk und Ursina erreichen je nach Jahr etwa 180 bis 200 Kilogramm. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die drei gut vorbereitet sind, beschreibt der im Berner Oberland aufgewachsene Biologe und ehemalige Leiter des BärenParks Bern, Peter Schlup, mit einem Schmunzeln so: «Ein schön rundes Hinterteil – dann ist klar: Der Winterspeck sitzt und die Winterruhe kann kommen.»

Foto: BärenPark in Bern, Ruth Locher

Ein spannender Aspekt im Tierpark Bern ist, dass bei der Bärenfütterung auch auf Nachhaltigkeit geachtet wird: Ein Teil der herbstlichen Ration besteht aus überschüssigen oder abgelaufenen Lebensmitteln von Partnerbetrieben, etwa von Grossverteilern. Was im Supermarkt nicht mehr verkauft werden kann, landet nicht im Abfall, sondern im Bärenmagen. Für die Tiere ist das völlig unproblematisch: Als Allesfresser und Aasfresser vertragen Bären auch Nahrung, die für uns Menschen nicht mehr frisch genug wäre. So tragen Finn, Björk und Ursina ganz nebenbei ein bisschen zum Kampf gegen Food Waste bei – indem sie sich an sonst weggeworfenen Früchten, Gemüse oder Brot satt fressen.

Foto: BärenPark, Ruth Locher

Neben dem Fressen gibt es im Herbst noch ein zweites wichtiges Ritual: die Suche nach dem perfekten Winterquartier. In der rund 5’000 m² grossen Anlage am Aarehang stehen den Bären mehrere Höhlen und geschützte Ecken zur Verfügung, die sie schon im Herbst sorgfältig inspizieren. Jeder Bär braucht seine eigene Höhle für die Winterruhe – wie in der freien Wildbahn, wo sich Braunbären ebenfalls einzeln zurückziehen, abgesehen von Müttern mit Jungtieren. Im BärenPark gilt dabei ein einfaches Prinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Streit gibt es trotzdem kaum, denn jedes Tier hat seine eigenen Vorlieben. In den vergangenen Wintern hat sich Finn manchmal eine etwas ungewöhnliche Schlafstätte ausgesucht: Er richtete sich gerne in den alten Stallungen ein – im Tunnel, der den historischen Bärengraben mit der neuen Anlage verbindet. Für die Tierpfleger ist das zwar nicht der praktischste Ort, aber wie der Biologe Peter Schlup schmunzelnd einmal sagte: «In Bern sagen die Bären, wie’s läuft, nicht wir.» Die Tiere dürfen also selbst wählen, wo sie ruhen möchten – ein zentraler Aspekt einer artgerechten Haltung.

Foto: BärenPark, Ruth Locher

Wenn der richtige Platz gefunden ist, beginnt der „Innenausbau“ des Winterquartiers. Das Tierpark-Team stellt den Bären dafür reichlich Stroh zur Verfügung, das in die Höhlen oder in den Stall getragen wird. Den Feinschliff übernehmen Finn, Björk und Ursina selbst: Manche richten sich daraus ein richtiges Strohbett ein, schieben und formen das Material zu einem weichen Lager. Andere machen sich kaum etwas daraus und schlafen fast auf dem nackten Boden – ganz nach individuellem Geschmack. Dieses Verhalten zeigt schön, wie unterschiedlich Bären sein können: Die einen sind echte Nestbauer, die anderen eher Minimalisten. Wichtig ist vor allem, dass das Versteck gut isoliert ist und zuverlässig vor Wind und Wetter schützt – im BärenPark ist das durch die Lage der Höhlen am Hang bestens gewährleistet. Ist genügend Winterspeck angefressen und ein passendes, geschütztes Plätzchen gefunden, wird es Zeit für den Rückzug in die Winterruhe.

Foto: BärenPark, Ruth Locher

Was geschieht während der Winterruhe im BärenPark?

Etwa ab Ende Oktober kehrt im BärenPark langsam Ruhe ein. Mit der Zeitumstellung und den ersten frostigen Nächten zieht sich meist als Erste die älteste Bärin, Björk, in ihre Höhle zurück. Mit über 20 Jahren scheint ihr innerer Rhythmus besonders früh auf „Wintermodus“ zu schalten. Ein bis drei Wochen später folgen dann auch Finn und Ursina, die zuvor noch gelegentlich in der Anlage unterwegs waren. Der Übergang in die Winterruhe passiert nämlich nicht von heute auf morgen, sondern ganz allmählich über mehrere Wochen: Die Bären schlafen immer mehr, bewegen sich immer weniger und stellen schliesslich die Nahrungsaufnahme vollständig ein. Anfang November sind in der Regel alle drei in der Winterruhe – jeder und jede in der eigenen, zuvor sorgfältig ausgewählten Höhle.

Foto: BärenPark, Ruth Locher

Während der Winterruhe verbringen die Bären die meiste Zeit schlafend tief in ihren Höhlen. Ihre Körperfunktionen laufen jetzt auf Sparflamme, damit sie möglichst wenig Energie verbrauchen. Von aussen wirkt es fast so, als wären sie „vom Erdboden verschwunden“ – wo im Sommer noch drei Bären zu sehen sind, herrscht nun oft gähnende Leere. Tatsächlich verlassen Björk, Finn und Ursina ihr warmes Nest nur sehr selten und nur für kurze Ausflüge. Hin und wieder wachen sie auf, strecken sich, schlendern vielleicht ein paar Schritte vor die Höhle, schnuppern am Schnee – und drehen dann meist gleich wieder um, zurück ins schützende Strohbett. Gefüttert werden sie in dieser Zeit nicht: Während der Winterruhe steht kein Futter auf dem Plan, die Tiere leben ausschliesslich von ihren Fettreserven. Ihr Stoffwechsel ist komplett auf Fettverbrennung umgestellt, deshalb nehmen sie Woche für Woche etwas ab. Beim massigen Finn waren das im letzten Winter rund 70 Kilogramm Gewichtsverlust – kein Wunder nach mehreren Monaten Fasten! Auch Wasser brauchen die Bären während der Winterruhe kaum. Den geringen Flüssigkeitsbedarf decken sie über den Fettabbau, bei dem sogenanntes „Stoffwechsel-Wasser“ entsteht. Und weil nichts gefressen wird, fällt auch nichts an, was ausgeschieden werden müsste – der Körper verwertet und recycelt alles so effizient, dass der Bär die gesamte Winterruhe ohne Toilettengang auskommt.

Foto: BärenPark, Ruth Locher

Während der Winterruhe beschränkt sich die Tierpflege vor allem auf Beobachtung und Sicherheitschecks. Die Pflegerinnen und Pfleger schauen regelmässig nach dem Rechten, ohne die Bären unnötig zu stören. Moderne Technik hilft dabei: Im Winter ist beispielsweise eine Webcam im Einsatz, mit der die Tierpflegenden einen Blick ins Innere einer Bärenhöhle werfen können. So können die Verantwortlichen den Zustand der Tiere kontrollieren, ganz ohne sie aufzuschrecken. Direkte Eingriffe brauchen die Tiere während der Winterruhe praktisch keine; im Gegenteil, Ruhe und Ungestörtheit sind jetzt das Wichtigste. Die Anlage ist so gestaltet, dass die Höhlenbereiche abseits vom Trubel liegen und den Bären ein Gefühl von Sicherheit geben. Für das Tierpflegeteam bietet diese stille Jahreszeit zudem Gelegenheit, notwendige Unterhaltsarbeiten in der Anlage zu erledigen – etwa grössere Reinigungen oder Reparaturen im Aussenbereich – solange die „Hauptbewohner“ schlafen. Selbstverständlich bleiben die Pfleger stets aufmerksam und bereit einzugreifen, falls ein Bär unerwartet aktiv wird oder gesundheitliche Auffälligkeiten zeigt – doch das ist zum Glück äusserst selten.

Foto: BärenPark, Ruth Locher

Ein ganz besonderes Ereignis kann während der Winterruhe stattfinden: die Geburt von Jungtieren. Braunbären bringen ihre Jungen nämlich mitten im Winter, tief in der geschützten Höhle, zur Welt. Auch im BärenPark Bern ist das schon passiert: Im Dezember 2009 bekam Bärin Björk in ihrer Winterhöhle Zwillinge, die später die Namen Ursina und Berna erhielten. Die Neugeborenen waren winzig – nur etwa 300 Gramm schwer – und wurden von ihrer Mutter in der Ruhe der Winterhöhle gesäugt und gewärmt, ohne dass Besuchende zunächst etwas davon bemerkten. Solche Wintergeburten gelten als Zeichen dafür, dass sich die Tiere sicher und ungestört fühlen: Besonders sensible, natürliche Verhaltensweisen wie die Aufzucht von Jungtieren gelingen nur, wenn Mutterbären genügend Ruhe, Rückzugsmöglichkeiten und Privatsphäre haben. Aufgrund des heutigen Haltungs- und Zuchtkonzepts ist im BärenPark Bern derzeit kein weiterer Nachwuchs vorgesehen, da Bärenmann Finn sterilisiert wurde.

Foto: BärenPark, Ruth Locher

Wie lange dauert die Winterruhe und wann beginnt sie?

Die Länge der Winterruhe hängt von mehreren Faktoren ab – vor allem vom einzelnen Bären, vom Wetter und von der Tageslänge. In unseren Breitengraden halten Braunbären typischerweise zwischen Oktober und März Winterruhe. Im BärenPark Bern beginnt die Ruhephase meist Ende Oktober oder Anfang November, je nach Witterung und „Futterstand“ der Tiere. Ältere oder besonders gut genährte Bären ziehen sich oft etwas früher zurück, während jüngere Tiere manchmal ein paar Wochen länger aktiv bleiben. So war es auch häufig in Bern: Bärin Björk, das älteste Weibchen, verschwand meist als Erste in der Höhle, während die jüngere Ursina noch ein wenig im Herbstlaub stöberte. Durchschnittlich verbringen die Bären im BärenPark rund drei bis vier Monate schlafend in ihren Höhlen. In strengen Wintern können es auch beinahe fünf Monate werden. Einen festen Fahrplan gibt es dabei nicht: Die Natur kennt keine starren Anfangs- und Enddaten, jeder Winter verläuft anders – und jeder Bär reagiert ein bisschen individuell. Allgemein gilt aber: Spätestens im März recken die ersten Bären wieder die Nase ins Freie. Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen und spürbar längeren Tagen endet die Winterruhe gewöhnlich. In milden Jahren kann das schon Mitte März der Fall sein, in kälteren Wintern eher Anfang April. Wenn Björk, Finn und Ursina aus ihren Höhlen kommen, wirkt anfangs noch alles etwas verschlafen: Sie blinzeln in die Frühlingssonne, strecken die steifen Glieder und erkunden vorsichtig ihre Anlage. Gefressen wird in den ersten Tagen nur zögerlich – meist knabbern sie zunächst an frischem Gras oder den ersten Kräutern, um den Magen langsam wieder an Nahrung zu gewöhnen. Ihre im Herbst angefressenen Fettpolster reichen noch eine Weile, deshalb sind grosse Portionen noch nicht nötig. Doch von Woche zu Woche kommen Appetit und Energie zurück, bis die drei im April wieder voll im normalen Lebensrhythmus sind. Dann ist der Jahreskreis geschlossen – und ein neues aktives Bärenjahr im BärenPark kann beginnen.

Foto: BärenPark, Ruth Locher

Können Besucher die Bären während der Winterruhe sehen?

Der BärenPark Bern ist zwar 365 Tage im Jahr rund um die Uhr geöffnet, aber wer im Winter vorbeischaut, braucht eine Portion Glück und Geduld, um einen der Bären zu sehen. Während der Winterruhe ziehen sich die Tiere weitgehend zurück und zeigen sich kaum. Es kann gut sein, dass wochenlang kein Bär in der Anlage zu entdecken ist. Die Chance, im tiefsten Winter einen aktiven Bären zu erleben, ist sehr gering und eher Zufall. Wer es im Januar versucht, sieht darum nicht selten „nur“ ein verschneites, stilles Gelände. Ganz ausgeschlossen ist eine Begegnung aber nicht. An milden, sonnigen Wintertagen kann es vorkommen, dass einer der Bären kurz vor die Höhle tritt, sich die Beine vertritt oder ein kleines Sonnenbad nimmt. Besonders gegen Ende der Winterruhe, also im späten Februar oder im März, steigen die Chancen ein wenig – dann werden die Tiere neugieriger und schauen gelegentlich hinaus. So wird der Winter im BärenPark jedes Jahr aufs Neue zu einer stillen, aber faszinierenden Jahreszeit – für die Bären ebenso wie für alle Menschen, die sie durch die kalte Saison hindurch begleiten.

Foto: BärenPark, Ruth Locher

Ein herzliches Dankeschön an Ruth Locher, die seit Jahren das Leben der drei Berner Mutzen im BärenPark mit eindrucksvollen Bildern festhält.

BärenPark Bern: Alle Infos auf einen Blick

Entdecken Sie, wie der BärenPark in Bern entstanden ist, warum er als tierfreundliches Zuhause gilt und wie Finn, Björk und Ursina ihren Alltag in der naturnahen Anlage verbringen.

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