Wildbienen, Tagfalter, Heuschrecken und neue Lebensräume zeigen, wie Biodiversität im Tierpark Bern gefördert wird.
Wer durch den Tierpark im Dählhölzli spaziert, denkt vielleicht zuerst an Wölfe, Seehunde, Bären oder Sumpfschildkröten. Doch zwischen Tieranlagen, Besucherwegen, Hecken und Blütenflächen lebt noch eine zweite, oft unscheinbare Tierwelt: Wildbienen, Schmetterlinge, Heuschrecken, Käfer, Spinnen, Vögel und viele andere Kleintiere finden auf dem Tierparkareal wertvolle Lebensräume.
71 Wildbienenarten auf kleiner Fläche
In den vergangenen Jahren hat der Tierpark Bern gezielt neue Biodiversitätsflächen geschaffen und bestehende Bereiche ökologisch aufgewertet. Auf rund 630 m² neu angelegter Biodiversitätsfläche wurden 71 lokale Wildbienenarten nachgewiesen – darunter auch gefährdete Arten wie Lasioglossum limbellum, die Geriefte Steilwand-Schmalbiene.
Wildbienen sind wichtige Bestäuberinnen und zugleich empfindliche Zeiger für die Qualität eines Lebensraums. Sie brauchen nicht nur Blüten, sondern auch geeignete Nistplätze, offene Bodenstellen, Totholz, Steine, sonnige Strukturen und ein vielfältiges Angebot an Pflanzen.
Dass auf vergleichsweise kleiner Fläche so viele Wildbienenarten vorkommen, zeigt: Entscheidend ist nicht allein die Grösse einer Fläche, sondern ihre Qualität. Ein Mosaik aus Blüten, offenen Stellen, Holz, Steinen, Licht und Schatten kann auch mitten in der Stadt erstaunlich viel bewirken.
Tagfalter, Nachtfalter und Heuschrecken
Auch andere Insekten profitieren von den aufgewerteten Flächen. Auf den neu geschaffenen Biodiversitätsförderflächen westlich des Vivariums sowie rund um die Bienenfresser- und Flamingoanlagen wurde die Artenvielfalt der Heuschrecken und Tagfalter untersucht.
Bei sieben Begehungen zwischen März und August konnten sechs Heuschreckenarten, 19 Tagfalterarten und neun tagaktive Nachtfalterarten nachgewiesen werden. Besonders erfreulich: Aufgrund der hohen Pflanzenvielfalt liess sich fast die Hälfte der Falterarten und sogar alle Heuschreckenarten auch als Raupen belegen. Die Flächen werden also nicht nur besucht, sondern dienen als echter Lebensraum für verschiedene Entwicklungsstadien.
Biodiversität entsteht nicht von selbst
Damit solche Lebensräume funktionieren, brauchen sie Pflege. Im Tierpark Bern wurde deshalb ein sechsmonatiger Zivildiensteinsatz mit Schwerpunkt Biodiversität durchgeführt. Im Zentrum stand die Aufwertung von Lebensräumen in und zwischen den Anlagen – besonders für Insekten, Randtierarten und die Biodiversität auf dem Tierparkareal.
Dabei entstanden zahlreiche kleine, aber wirkungsvolle Strukturen: ein Holzbienen-Hotel, Wildhecken, Ast- und Steinhaufen, Totholz- und Steinstrukturen sowie blütenreiche Rabatten als Nahrungsquelle für Insekten.
Auch Futterpflanzen für die Raupen des Schwalbenschwanzes wurden angelegt, darunter Fenchel, Dill und Wilde Möhre. Solche Pflanzen sind für bestimmte Schmetterlingsarten entscheidend, weil ihre Raupen auf geeignete Nahrungspflanzen angewiesen sind.
Pflege mit Sense, Totholz und Geduld
Ein wichtiger Bestandteil der Biodiversitätsförderung ist die gestaffelte Mahd. Dabei werden Ruderalflächen nicht auf einmal, sondern abschnittsweise gemäht. So bleiben Rückzugsorte für Insekten erhalten, Pflanzen können versamen und die Flächen behalten ihre ökologische Vielfalt.
Auch die Bekämpfung von Neophyten gehört dazu. Gebietsfremde Pflanzen wie Berufskraut oder Sommerflieder können einheimische Arten verdrängen und Lebensräume verändern. Ihre regelmässige Entfernung hilft, die Vielfalt einheimischer Pflanzen und Tiere im Tier- und BärenPark zu erhalten.
Lebensräume für Käfer, Wildbienen und andere Kleintiere
Neben Blütenflächen und Wildhecken spielen auch Totholzstrukturen eine wichtige Rolle. In der Wisentanlage wurde ein Eichenmeiler für die Wiederansiedlung des Hirschkäfers errichtet. Solche Strukturen bieten holzbewohnenden Käfern geeignete Entwicklungsbedingungen und schaffen langfristig wertvolle Kleinstlebensräume.
In der Aareuferanlage wurden zudem Schwarzpappeln als Habitatbäume gepflanzt. Sie können langfristig Lebensraum für zahlreiche Tierarten bieten – von Insekten bis zu Vögeln.
Auch beim BärenPark entstehen neue Lebensräume
Biodiversitätsförderung endet nicht an den Grenzen des Dählhölzli-Zoos. Auch beim BärenPark am Aareufer wurden neue Strukturen für einheimische Arten geschaffen. Die Wiese neben dem BärenPark gilt als wertvoller Biodiversitätsstandort in der Stadt Bern; dort wächst unter anderem die seltene Kleine Traubenhyazinthe.
Bei einem Arbeitseinsatz wurden Weidengehölze zurückgeschnitten, ein Sommerflieder entfernt, einheimische Sträucher gepflanzt und aus Schnittgut eine Benjeshecke aufgebaut. Am Boden entstand zusätzlich ein Tunnelsystem für Wiesel. So entstehen Rückzugsorte und Trittsteine für Insekten, Spinnen, Käfer, Vögel, Igel und andere Kleintiere.
Benjeshecken sind besonders wertvolle Strukturen: Sie bestehen aus aufgeschichtetem Schnittgut und bieten vielen Tierarten Schutz, Nahrung und Nistmöglichkeiten. In einer zunehmend aufgeräumten Landschaft werden solche wilden Ecken immer wichtiger.
Biodiversität verstehen lernen
Biodiversität soll im Tierpark Bern nicht nur gefördert, sondern auch erlebbar gemacht werden. Denn wer genau hinschaut, entdeckt eine faszinierende Welt: Käfer in schillernden Farben, Wildbienen an Blüten, Schmetterlingsraupen an Futterpflanzen oder Heuschrecken in strukturreichen Wiesen.
Auch in der Bildungsarbeit spielt diese Vielfalt eine wichtige Rolle. In einem neuen Insektenworkshop können Schulklassen die Vielfalt und ökologische Bedeutung von Insekten erforschen – vom Unterschied zwischen Käfern und Wanzen bis zur Frage, welche Lebensmittel ohne Insekten fehlen würden.
So wird Biodiversität nicht nur gemessen und gepflegt, sondern auch vermittelt. Kinder und Erwachsene erleben, dass selbst kleine Tiere grosse Aufgaben im Ökosystem übernehmen.
Artenschutz beginnt vor Ort
Die Biodiversitätsflächen im Tierpark Bern zeigen, dass Artenschutz nicht nur in grossen Naturschutzgebieten stattfindet. Auch kleine Flächen mitten in der Stadt können ökologisch wertvoll sein, wenn sie bewusst gestaltet, sorgfältig gepflegt und fachlich begleitet werden.
Zwischen Tieranlagen, Besucherwegen und Aareufer entsteht so ein Netzwerk aus Lebensräumen: für Wildbienen, Tagfalter, Heuschrecken, Käfer, Spinnen, Vögel, Igel, Wiesel und viele weitere Arten, die oft übersehen werden, aber für die Biodiversität unverzichtbar sind.
Die Botschaft ist einfach und stark: Biodiversität entsteht nicht von selbst. Sie braucht Raum, Struktur, Pflege – und Menschen, die anpacken.










